Die Tränen der Sterne
Vor langer, langer Zeit, als noch keine Bäume auf der Erde lebten, waren die Sterne der Erde sehr nah. In manchen Nächten kletterten die Sterne auf die Erde hinab, um dort zu spielen. Und die Sterne lachten, wenn sie die feste Erde spürten, und die Erde lächelte leise, wenn sie der feine Hauch der Sterne kitzelte.
Doch selten waren diese Stunden, und heimlich gingen sie vonstatten, denn dem Monde missfiel die Nähe von Erd’ und Stern, und hell erstrahlte sein Antlitz, um über die Sterne zu wachen. So riefen die Sterne den Nebel zu Hilfe, auf dass er seinen Umhang über sie werfe und sie vor des Mondes Blicken schirme. Und der Nebel tat wie geheissen. Schützend hielt er seinen Umhang auf, und geschwind kletterten die Sterne zur Erde hinunter und waren alsbald in ihr Spiel vertieft.
So bemerkten sie gar nicht, dass zwischen dem Nebel und dem Wind ein Streit entbrannte. Der Wind liebte es, das Wasser zu kräuseln und in Wellen vor sich herzutreiben, doch unter des Nebels Schutz lag das Wasser still. Zornerfüllt fuhr der Wind jäh auf, und setzte alle seine Kräfte gegen den Nebel frei, und zerriss des Nebels Umhang. Entblösst hielten die Sterne inne in ihrem Spiele, und Angst erfüllte ihre Herzen. Des Mondes Wut entbrannte und Zorn brach sich seine Bahn. Unbarmherzig trieb er die Sterne zurück in den Himmel, hoch hinauf, weiter von der Erde weg, als sie jemals gewesen waren.
Sehnsüchtig blickten die Sterne zur Erde hinunter, und ihr Herz wurde ihnen schwer vor Gram. Die Liebe zur Erde brannte in ihnen, obwohl ihnen die Rückkehr verwehrt war. Und ihre Trauer verdunkelte den Himmel, so dass der Tag zur Nacht wurde. Still sassen sie, und klagten ihr Leid. Nur eine einzige Träne weinten die Sterne, doch diese eine Träne war Sehnsucht und Hoffnung und Liebe.
Und als die Sehnsucht und Hoffnung und Liebe nach langem Fall auf der Erde aufschlug, vermengte sie sich mit der Erde. Eine neue Kraft entwuchs der Erde und nährte sich von Sehnsucht und Hoffnung und Liebe und strebte nach den Sternen. Und so ward der erste Baum geboren.
Hoch und immer höher wuchs der Baum, verwurzelt mit der Erde, genährt von der Sehnsucht und Hoffnung und Liebe der Sterne. Alsbald war der Baum gross genug, um mit seinen Zweigen die Sterne zu berühren.
„Sehet“, sprach der Baum „ich bin gewachsen aus Sehnsucht und Hoffnung und Liebe des Himmels, und ich wurde genährt von der Erde unerschöpflicher Kraft. Fortan bin ich Brücke zwischen Erde und Himmel, verbunden als Wurzel und Zweig berühre ich Himmel und Erde.“


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