Lar Tmava

Eine grossgewachsene, schlanke Onlo mit einem kleinen anatubischen Vulkan-Waldschnapper auf der Schulter.

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Standort: Baumzucht

Mittwoch, September 06, 2006

Der Name der Familie Tmavy

Seit Tagen schon kreisen meine Gedanken ständig um die gleiche Sache.

Tmava.

Schon fast seit ich mich erinnern kann, trage ich diesen Namen, den Namen meines Vaters. Ich trug ihn stets stolz, und bis heute habe ich mich keinen Tag deswegen geschämt. In der Gegend meines Vaters ist Tmavy ein angesehener Name, und die, welche ihn führen, werden respektiert, und ihre Taten mehren den guten Klang des Namens. Mein Vater erzählte mir einst, als draussen dichter Schneefall die Wälder schweigen machte und ich mich auf seinem Schoss vor dem Feuer zusammengekringelt hatte, wie seine Familie zu diesem Namen gekommen war.

Es trug sich vor langer Zeit zu, als die Urahnen der Eschen auf dem Anwesen meiner Familie noch jung waren. Es war eine Zeit der Unruhe, Kämpfe und kleinere Kriege überzogen die Lande. Die Vorfahren meines Vaters lebten in einem kleinen Weiler, nur wenige Onlo-Familien stark. Der Weiler lag am Ende eines kleinen Tales. Der einzige, schmale und beschwerliche Weg dorthin führte einen Flusslauf entlang, dessen Quelle in den hohen, zerklüfteten Bergen entsprang. Selten nur verirrten sich Wanderer dorthin, und keiner blieb lange. Zu unwirtlich war die Gegend, und das karge Umland nährte gerade die Anwohner. Für zusätzliche Mäuler blieb nichts übrig.

Eines Tages verirrte sich eine einsame Person im Weiler. Ihre Ankunft wurde schon früh bemerkt, denn aufgrund der unruhigen Zeiten wurden stets einige der jüngeren Onlos vorgeschickt, um am Weg Wache zu halten. Einer von ihnen, ein junger Bursche von kaum 14 Jahren und dichten blonden Locken, brachte die Kunde des einsamen Wanderers. Es dauerte nicht lange, als der Wanderer auftauchte. Die hagere, grosse Gestalt war in einen dunklen Umhang gekleidet. Eine Kapuze hüllte selbst bei hellem Tagesschein das Gesicht in Schatten. Neugierig, wie es den Onlos eigen ist, versammelten sich die Einwohner des Weilers. Trotz ihrer beschränkten Vorräte gebot es die Gastfreundschaft, dem Wanderer, der unbewaffnet und allein war, eine Mahlzeit und einen Platz für die Nacht anzubieten. Am nächsten Tag würden sie, wie üblich, dafür sorgen, dass der Wanderer den Weg wieder zurückging, auf welchem er gekommen war.

Der Wanderer hatte noch kein Wort gesprochen und hielt den Kopf gesenkt. Als schien er auf ein Zeichen gewartet zu haben, hob er plötzlich den Kopf und streifte mit einer raschen Bewegung die Kapuze herunter. Lange, blonde Haare ergossen sich wie ein Wasserfall über die schmalen Schultern und tauchten das bis eben im Halbdunkel unerkennbaren Gesicht in helles Licht. Eine hohe Stirn kam zum Vorschein, darunter zwei leicht geschwungene Augenbrauen, eine kleine Nase, runde Wangen und ein sanft geschwungener Mund, um den ein undefinierbarer Zug lag. Die Haut war hell und rein, die Wangen lieblich gerötet. Zweifellos strahlte dieses Gesicht eine fast unwirkliche Schönheit aus, die keiner je so schnell vergessen könnte. Doch das auffälligste waren die Augen: Sie schienen wie zwei Löcher, unendlich tief und so schwarz, dass nicht zu erkennen war, wo die Pupille endete und die Iris begann. Das Sonnenlicht, welches vom blonden Haar zurückgeworfen wurde, verschwand in diesen Löchern, wurde davon aufgesogen. Kein Schimmer wurde reflektiert.

Stille legte sich über die Gruppe, und einige schworen später, dass sogar die Bäume für einen Moment in ihrem Flüstern innehielten. Dann bewegte sich der Älteste des Dorfes, verneigte sich und hiess die Fremde willkommen, in den schlichten Worten, die für gewöhnlich für Reisende freundlich genug klangen, um sie eine ruhige Nacht im Weiler verbringen zu lassen, und nicht freundlich genug, um den Gedanken aufkommen zu lassen, länger hier zu verweilen. Einen Moment blieb das Gesicht der Fremden reglos, dann verzog sich der rote Mund zu einem bezaubernden Lächeln, welches aber die Augen nicht erreichte.

So unwillkommen Reisende, die länger bleiben wollten, im Weiler auch waren, so willkommen waren wohlgesonnene Wanderer, die nur eine Nacht blieben und die Gastfreundschaft mit Neuigkeiten vergalten. Auch die Fremde wurde, kaum hatte sie eine warme Mahlzeit erhalten und es die Höflichkeit es zuliess, dezent, aber unverkennbar neugierig ausgefragt. Zur grössten Enttäuschung der Onlos jedoch wusste die Fremde nichts neues zu erzählen. Eigentlich wusste sie gar nichts zu erzählen, denn sie sprach den ganzen Tag kein Wort. Die Neugier der Onlos schlug bald in Enttäuschung um, und sie wandten sich wieder ihrem Tageswerk zu. Die Fremde sass schweigend im Schatten einer grossen Esche und schien auf etwas zu warten.

Die Dämmerung brach früh herein, wie es um diese Jahreszeit üblich war. Kaum war die Sonne hinter den zerklüfteten Bergspitzen versunken, streifte die Fremde die Kapuze wieder über. Ihre Augen stachen schwarz aus dem Schatten der Kapuze hervor. Noch immer sass sie schweigend da. Erst als die letzten Flecken Lichts von Schatten verdrängt waren, stand die Fremde lautlos auf. Mit raschen Schritten eilte sie in die Mitte des Weilers, wo eine Schöpfstelle den hier noch schmalen Bach etwas staute. Eine einzige, rasche Bewegung öffnete ihren Umhang, und geräuschlos glitt er von ihren Schultern zu Boden. Darunter war sie nackt. Einzig um den Hals trug sie eine Kette, an welchem ein schwarzer Stein hing. Schwarz wie ihre Augen. Sie reckte die Hände gen Himmel und legte den Kopf in den Nacken. Wie Gold flossen ihre langen Haare über den Rücken und fingen die wenigen Schimmer des fast neuen Mondes auf.

Die Fremde begann, sich langsam um ihre eigene Achse zu drehen. Die Onlos, welche sich schon in ihre warmen Stuben zurückgezogen hatten, öffneten die Fenster, einige kamen aus dem Haus, um staunend zu sehen, was inmitten ihres Weilers geschah. Die schwarzen Löcheraugen der Fremden fixierten das Haus, welches ihr genau gegenüber lag. Es war das Haus des Ältesten. Plötzlich blitze der Stein um ihren Hals grell auf, und im nächsten Augenblick gellte ein Schrei aus dem Haus des Ältesten. Ein verzücktes Lächeln flog über das Gesicht der Fremden und ein Seufzer entrang ihren Lippen, und erneut fixierte sie das Haus mit ihrem dunklen Blick. Im selben Augenblick öffnete sich die Tür des Hauses, und der Älteste stürzte heraus, Entsetzen im Blick.

„Sie ist tot! Meine Frau ist tot! Sie ist einfach….“

Sein Mund stand offen, um den Satz zu beenden, doch im selben Moment zuckte wiederum ein greller Lichtblitz aus dem Stein, und er Älteste sank lautlos in sich zusammen. Langsam drehte sich die Fremde um ihre eigene Achse, um das nächste Haus zu fixieren, deren Bewohner, vom ersten Schrei angelockt, ins Freie gestürzt waren. Der nächste Lichtblitz beendete das Leben der erst siebenjährigen Onlo, welche sich verschlafen an der Hand ihrer Mutter die Augen rieb und mitten in der Bewegung zu Boden glitt, gefolgt von ihrer Mutter.

Panik brach aus. Die Lichtblitze folgten sich immer schneller, und jeder setzte einem gesunden Leben ein rasches, lautloses Ende. Und mit jedem Tod strahlten die Haare und die Haut der Fremden heller, ihr Mund und ihre Wangen röter, und ihre Augen wurden immer schwärzer. In alle Richtungen flohen die Onlos, Väter packten ihre Kinder, Mütter stürzten ihnen nach. Doch es gab kein Entkommen. Einer nach dem andern fiel.

Die Fremde hatte sich schon zu fast drei Vierteln gedreht und Tod und Verwüstung hinterlassen, wo ihre Augen Leben getroffen hatten. Da stürmte plötzlich eine Onlo nach vorn. Im Laufen zog sie ein kleines Jagdmesser aus ihrem Gürtel. Die Raserei der Onlos ist weit gefürchtet, und eine rasende Onlo bewegt sich schneller, als viele zu schauen vermögen. Mit wenigen grossen Schritten stand sie neben der Fremden. Sie stockte einen Moment, holte tief Luft und sprach dann mit fester Stimme:

„Deine Zeit hier ist vorüber, Fremde. Wir dulden dich nicht länger. Verlass unsere Heimat, und nimm deinen Tod mit dir!“

Mit den letzten Worten hob sie das Messer. Der Schnitt durchtrennte die Halskette. Der Stein fiel geräuschlos zu Boden, kollerte das leicht abschüssige Ufer herunter und blieb schliesslich im Wasser liegen. Ungläubig drehte die Fremde den Kopf und fixierte die Onlo. Die Augen waren schwarz wie ehedem, doch das schwache Mondlicht widerspiegelte sich in ihnen. Für einen Moment stand sie fassungslos da. Dann öffnete sie den roten Mund und zum ersten Mal hörten die Onlos ihre Stimme. Tief und dunkel, scheppernd, als ob in den tiefsten Höhlen, die Zwerge zu graben vermögen, heftige Steinbrocken gegen das Gewölbe geworfen würden.

„Verflucht seist du, verflucht seien alle deine Nachkommen. Ewiglich soll Dunkelheit euch umschlingen!“

Ohne ein weiteres Wort bückte sich die Fremde, hob den Umhang auf und legte ihn sich über die Schultern. Als sie zum Wasser gehen wollte, um ihren schwarzen Stein zu holen, stellte sich ihr die Onlo in den Weg. Die beiden musterten sich, hasserfüllt die eine, zu allem entschlossen die andere. Die noch lebenden Onlos, welche in ihrer Flucht innegehalten hatten, näherten sich den beiden. Ein zischendes Geräusch entwich der Fremden. Hastig zog sie die Kapuze über die hellen Haare, und bald war die dunkle Gestalt zwischen den Bäumen verschwunden.

Am nächsten Morgen wurden die verblichenen Onlos beerdigt. Auf jedes der frischen Gräber wurde ein junger Sprössling gepflanzt. Ganze Familien waren ausgelöscht, und nur wenige Onlos hatten diese Nacht überlebt. Als sie den schwarzen Stein aus dem kleinen Bach fischen wollten, war dieser jedoch verschwunden. Doch von der Stelle an, wo der Stein in der Nacht zuvor gelegen war, floss acht Jahre schwarzes Wasser den Flusslauf herunter.

Wenige Wochen später hatten auch die letzten Onlos den Weiler verlassen, um an einem neuen Ort ein neues Leben zu verbringen. Die Onlo, welche sich der Fremden entgegengestellt hatte, trug fortan den Beinamen Tmava – die Dunkle. Seither wird dieser Name weitergegeben, und jede Generation lernt von Neuem, was es damit auf sich hat. Ob wirklich ein Fluch über die Familie gesprochen wurde, darüber wurde schon viel gestritten. Unbestritten sind jedoch zwei Dinge: Erstens, dass seit dieser Nacht alle Nachkommen der Familie stets dunkle Augen haben, und auch wenn durch Heirat helle Augen sich mit dem Blut der Tmavys vermischten, so setzen sie sich nie durch. Und zweitens ergrauen seit dieser Nacht die Nachkommen der Familie nie mehr. Bis ins hohe Alter behalten sie die Haarfarbe ihrer Jugend.