Lar Tmava

Eine grossgewachsene, schlanke Onlo mit einem kleinen anatubischen Vulkan-Waldschnapper auf der Schulter.

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Standort: Baumzucht

Sonntag, Dezember 10, 2006

Die alte Buche

Auf meine Streifzügen hatte ich die Wälder von Gobos in alle Richtungen durchstreift. Auch wenn sie immergrün waren, liessen sich die Jahreszeiten doch deutlich erkennen – für ein geübtes Onlo-Auge zumindest. Vor allem ganz im Norden, hin zur Grenze zu Sutranien.



Ich hatte schlecht geschlafen diese Nacht. Oder wohl eher schlecht geträumt. Zweimal hatte Dralion mich geweckt, und die letzten Traumbilder waren so verwirrend, dass ich sie schnell wegblinzelte. So war ich früher wach als üblich, und mir war klar, wohin mich meine Schritte heute führen würden.


Ich wollte zur alten Buche, einem meiner liebsten Orte dieses Waldes. Die alte Buche steht etwas erhöht auf einer kleinen Hügelkuppe im Norden, ganz allein. Die nächsten Bäume wachsen erst dort, wo der Buche Schatten in den Abendstunden endet. Sie zollen der alten Buche damit Respekt, aber ich glaube, heimlich fürchten sie sich auch etwas vor ihr. Sogar Modrin und Listnaty begleiten mich nie auf die Hügelkuppe, sondern gesellen sich zur Gruppe der abseits stehenden Bäume. Ich vermute, die andern Bäume meiden die alte Buche, weil sie oft von düsteren, unheimlichen Dingen spricht. Ausserdem ist sie der einzige Baum weit und breit, dessen Blätter im Herbst rot leuchtend zur Erde fallen, um im nächsten Frühjahr zartgrün wieder neu zu knospen.



Ja, die alte Buche ist etwas unheimlich, dennoch sitze ich gern in ihrer Nähe, ohne dass ich mir erklären könnte, weshalb. Vielleicht lag es daran, dass die alte Buche, wenn sie in der richtigen Stimmung war, ganz aussergewöhnliche Geschichten zu erzählen wusste. Sie kannte alte Legenden, von denen wohl nur noch wenige Bäume und noch weniger Onlos wussten. Manchmal verriet sie mir kleine Geheimnisse von Wesen aus fernen Gegenden, und wenn mich schwere Gedanken quälten, flüsterte sie mir weise Worte ins Ohr.



Ich marschierte zügig, und es verging keine Stunde, als ich bei der alten Buche eintraf. Am Fusse des Hügels, zwischen den Bäumen, verharrte ich für einen Moment und betrachtete versonnen das Bild, welches sich mir bot. Die kahlen Äste der alten Buche hoben sich deutlich gegen den noch blassen Morgenhimmel ab. Langsam und respektvoll ging ich den Hügel hinauf. Ich verbeugte mich vor der alten Buche, wie ich es stets tat, und setzte mich an meinen üblichen Platz auf einem kleinen Findling. Die alte Buche döste, und ich genoss den Ausblick über die immergrünen Wälder. Dralion hatte es sich unter meinem Umhang gemütlich gemacht, und bald packte ich meine Botanica aus und begann zu arbeiten.



Die Sonne hatte ihren Zenit schon überschritten, als die alte Buche mich unvermittelt ansprach. „Es ist Zeit für Euch zu gehen.“
Überrascht schaute ich auf. Die alte Buche sprach nicht viel, und manchmal sass ich den ganzen Tag neben ihr, ohne dass wir ein Wort wechselten. Dennoch war ich überzeugt, dass sie meine Gesellschaft ebenso schätzte wie ich die ihre, und noch nie hatte sie mich aufgefordert, sie zu verlassen. Trotzdem packte ich sogleich meine Habseligkeiten zusammen und stand auf. Mit einer höflichen Verbeugung verabschiedete ich mich: „Verzeiht. Es liegt mir fern, Euch zu stören.“
Sie schüttelte ihre Äste. „Nicht meinetwegen, doch Euer Besuch wird sonst gar lange auf Euch warten.“ Ich runzelte die Stirn. Besuch? Ich erwartete keinen Besuch, noch nie hatte mich jemand in meiner kleinen Hütte besucht – was wohl vor allem daran lag, dass niemand wusste, wo sie lag. „Was für…“ ich liess den Satz unvollendet, denn ein Blick auf die alte Buche sagte mir, dass sie wieder eingedöst war, und dass ich keinerlei Antwort auf meine Frage erhalten würde. So beeilte ich mich, so rasch als möglich zu meiner Hütte zurück zu kommen.