Das letzte Blatt
Ein harscher Windstoss riss das letzte Blatt von Zweig, wirbelte es wild durch die Luft, bevor es schliesslich erschöpft am Boden liegen blieb. Das letzte Blatt. Es war schon lange her, als die ersten Blätter zu fallen begannen. Erst fiel es gar nicht auf, denn für jedes Blatt, welches sanft zu Boden segelte, knospte ein neues. Doch irgendwann trieb der Baum keine neuen Sprosse. Die Äste wurden kahler und kahler. Langsam. Schleichend. Unauffällig. Man gewöhnte sich daran, dass immer weniger Laub den Stamm, die Äste, die Zweige verdeckte. Nur hin und wieder, wenn ein Windstoss durch das Laubdach fuhr, fror der Stamm für einen Moment. Doch rasch wärmten durch die kahlen Stellen auch die Strahlen der Sonne, und so fiel unbehelligt Blatt um Blatt um Blatt. Bis zum letzten.
Nun steht der Stamm kahl, die Äste recken sich vergebens nach der Sonne, denn es sind keine Blätter mehr da, welche das Sonnenlicht aufnehmen könnten. Eine dicke Laubschicht bedeckt den Boden um den Baum, Erinnerungen an vergangene Zeiten, welche nie mehr zurückkehren werden. Noch ist der Stamm stark, die Äste kräftig, doch niemals mehr werden an ihm wieder solche Blätter spriessen. Und mit der Zeit wird die Kraft aus dem Baum weichen, und er wird lediglich als Hülle bestehen bleiben, als Erinnerung, als Mahnmal an das, was war und verloren ging.
Doch wer weiss, vielleicht wird eines Tages eben dieser Baum andere Blätter tragen, einem andern Leben Halt bieten, die Stütze sein für rankende Umarmungen. Jedes Ende ist ein neuer Anfang.


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