Botanica Onlensis
Die Botanica Onlensis ist ein Buch, welches meist über Generationen in Familienbesitz ist. Darin sind alle Pflanzen aufgeführt, welche den Onlos bekannt sind - mit Bildern, Beschreibungen und allen möglichen Anwendungen der Pflanzen.Mein Vater hatte ein wundervolles Exemplar. Ich weiss noch heute, wie das Leder gerochen hat. Ohne seine Zustimmung durfte ich nie darin stöbert, aber ich bettelte oft darum, dass er mir daraus vorlas, während ich die kunstvollen Bilder bewunderte. Mein Vater pflegte sich dann in seinen Lieblingssessel zu setzen, jener in der Fensterecke, von welchem aus man einen grossen Teil des Gartens überblicken konnte. Ich sass auf seinem Schoss, und gemeinsam blätterten wir durch die Botanica Onlensis. Erst durfte ich eine Pflanze auswählen, und dann er. Er las mir die Beschreibungen vor, und zu vielen der Pflanzen erzählte er mir kleine Geschichten - wie er die Pflanze selber gefunden hatte, oder wie ein Freund durch eine der Pflanzen geheilt wurde. Später als, ich grösser war, zog ich einen Stuhl neben meines Vaters Sessel, und ich las die Beschreibungen selber, doch immer suchte erst ich, dann er die Pflanze aus. Und jedesmal schloss er die Botanica mit der Bemerkung: "Eines Tages wirst du deine eigene Botanica haben, Lar, eines Tages."
Ich konnte es kaum erwarten, aber es sollte noch bis zu meinem achtzehnten Geburtstag dauern, bis ich meine eigene Botanica Onlensis erhielt. Wie gross war meine Freude, als ich das kleine, in Leder gebundene Buch auspackte! Und wie gross meine Enttäuschung, als ich die vielen leeren Seiten darin erblickte...
Mein Vater lachte, als er meinen Blick sah, dann verdunkelten sich seine Augen, und ernst sah er mich an.
„Diese Botanica hat deine Mutter für dich begonnen, als du auf die Welt kamst. Es blieb ihr nicht viel Zeit vergönnt, manche Seite darin zu füllen.“
Er seufzte, hielt einen Moment inne und sah mich danach mit seinem durchdringenden Blick an.
„Die Jahre werden vergehen, und du wirst die Seiten der Botanica selber füllen, Lar. Und jedesmal, wenn du die Botanica aufschlägst, jedesmal, wenn du darin etwas nachschaust, wird deine Mutter bei dir sein.“
Er nickte, seufzte abermals, schüttelte den Kopf, als wolle er einen Gedanken vertreiben und lächelte schliesslich. Danach erklärte er mir, dass ich die Seiten der Botanica so füllen soll, wie es mir mein Gefühl sagte. Er beruhigte mich, dass mir auch die Zeichnungen gelingen würden, wenn ich denn ur nahe genug an der Pflanze sein würde. Ich nickte, obwohl mir der Sinn seiner Worte nicht ganz klar war. Ausserdem hätte ich viel lieber mehr über meine Mutter erfahren, aber ich wusste, dass es zwecklos war, meinen Vater danach zu fragen.
Erst viel später begann ich langsam zu begreifen, was mein Vater damit gemeint hatte, nahe genug an den Pflanzen zu sein. Wenn ich mich auf die Pflanz einliess mit allen Sinnen, wenn in meinem Kopf und meinem Herzen nur noch diese eine Pflanze war, gingen mir die Federstriche wie von alleine von der Hand, und die Zeichnungen sahen aus, als hätte ich ein getrocknetes und gepresstes Exemplar davon in meine Botanica gelegt. Und wie mein Vater vorausgesehen hatte, füllt eich Seite umd Seite um Seite – und doch sind noch viele Seiten leer.


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