Der Geburtsbaum
Was früher selbstverständlich war, ging im Laufe der Zeit verloren: Das Wissen über die Geburtsbäume verschwand. Und obwohl jede Onlo einen Geburtsbaum hat, wissen nur noch wenige darüber Bescheid.
Der Geburtsbaum einer Onlo keimt bei ihrer Geburt, und seine Zweige werden dereinst verdorren, wenn ihr Herz zum letzten Mal schlägt. Onlo und Baum sind durch ein unsichtbares Band verbunden: geht es der Onlo schlecht, krankt auch der Baum.
Früher, als das Wissen um Geburtsbäume noch omnipräsent war, wurde nach der Geburt einer kleinen Onlo eine Waldflüsterin gerufen. Diese spürte in den umliegenden Wäldern den Geburtsbaum der Neugeborenen auf, und fortan war auch der kleine Keimling ein Teil der jeweiligen Familie. Dabei widerspiegelt sich im Baum die Persönlichkeit der Onlo. Daher war es für die Familien von höchstem Interesse, möglichst rasch den Geburtsbaum zu kennen. Es gibt lange Überlieferungen, welche Bäume auf welche Persönlichkeitszüge hindeuten, doch, auch diese wurden im Laufe der Zeit vergessen und verloren.
Aber auch noch aus einem andern, wichtigen Grund war es notwendig, dass eine Waldflüsterin den Geburtsbaum möglichst rasch fand: So wie der Baum dereinst verdorrt, wenn die Onlo den letzten Atemzug tut, so stirbt auch die Onlo, wenn der Baum stirbt. Um also nicht versehentlich den Geburtsbaum einer Onlo zu fällen, wurde vor jedem Fällen eine Waldflüsterin um Rat gefragt.
Modrin, mein Geburtsbaum, wuchs am Rande der Lichtung, auf welchem das Haus meiner Mutter steht. Als ich später bei meinem Vater lebte, sah meine Urgrossmutter Moudhra ihm an, wie es mir ging. Ich glaube, dies war beruhigend für sie, und es tröstete sie etwas darüber hinweg, dass ich so weit fort war – in gewisser Weise war ich ihr ja durch Modrin ganz nah.


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