Die Wiederbelebung
Die Dame Delamour bat mich um ein Treffen. Ihre Nervosität spürend eilte ich zur Post, und ein grauenvolles Bild bot sich mir:
Mitten in der Post, am Boden, lag der blutüberströmte, leblose Körper der Dame Liel!
In wenigen Sätzen berichtete mir Dame Delamour, dass der falsche Bragor die ehrenwerte Onlo niedergemeuchelt habe, als diese die junge Flora vor ihm schützen wollte.
Ich spürte, wie mir das Blut aus den Wangen wich, als Dame Delamour mich mit Tränen in den Augen fragte, ob ich Dame Liel nicht wiederbeleben könne!
Wie sollte ich so etwas bewerkstelligen? Meine Kräfte, mein Wissen reichte ja nicht einmal für ein einfaches Rakos! Mir fiel nur ein einziger Onlo ein, der möglicherweise noch helfen könnte: der alte Onlo aus der Hütte in Krato.
Rasch schickte ich Dame Delamour los, um ihn zu holen, darauf hoffend, dass die Erwähnung meines Namens und die echte Sorge in der Zauberin Blick dem Onlo klar machen würde, wie sehr wir seiner Hilfe bedürfen. Derweil brachte ich den leblosen Körper zur Geburtsstätte in Anatubien. Die Geburtsstätte befindet sich an einem der Kraftorte der Gegend, an welchem die Magie und Stärke der Wälder besonders intensiv und geballt ist. Wenn an einem Ort, dann müsste, so vermutete ich, dort das fast unmögliche gelingen müssen.
Ungeduldig lief ich hin und her, als endlich Dame Delamour eintrag, gefolgt vom alten Onlo. Er stützte sich auf seinen Stab und atmete etwas schwer, doch in seinem Blick lag Unruhe und Entschlossenheit. Ein Blick auf den Körper am Boden genügte, und er schien zu wissen, weshalb er so dringlich hergebeten wurde. Dennoch wandte er sich an mich. In wenigen Worten erzählte ich, was ich wusste.
Der Onlo blickte vom Körper am Boden zu den Bäumen hoch und meinte, dass die Zeit knapp sei. Sobald die Schatten der Bäume den ganzen Körper erreicht hätte, wäre es zu spät. Dann hiess er uns, Symbole der fünf Elemente zu besorgen. Eiligst kamen wir seinen Worten nach, und bald schon standen wir mit allem wieder beim Onlo. Die Schatten waren schon länger geworden.
Mit dem langen Stab zog der Onlo einen Kreis um den leblosen Körper und stelle sich dann auf die Kreisline hinter den Kopf der Onlo. Er bedeutete uns, uns ebenfalls auf dem Kreis zu verteilen. Jede von uns hielt ein Element in den Händen: Ich das Feuer, Dame Delamour Erde, Dame Adanedhel das Wasser und Dame Ceruya die Luft. Als fünftes Element legte schliesslich der Onlo einen glitzernden Stein der Onlo auf die Brust des Körpers.
Es erschien mir wie eine Ewigkeit, und meine Arme wurden schwer und schwerer. Der Onlo erbat die Kraft der Wälder, auf dass sie erneut durch den Körper fliessen würde. Er sprach in einem alten Onlo-Dialekt, von welchem ich nur wenige Worte verstand. Obwohl es windstill war, erhob sich ein Rauschen in den Laubkronen um uns herum, und selbst die Ärmel des Umhangs des Onlo flatterten. Immer lauter sprach er, und das Rauschen steigert sich, bis es beides zusammen verschwamm, um dann abrupt abzubrechen. Eine gespenstische Stille legte sich über die Geburtsstätte.
Die Stimme des Onlo durchbrach die Stille. Zuerst sprach er wieder in seinem Dialekt, dann fügte er den letzten Satz in verständlicher Sprache hinzu *Möge die Kraft der Wälder wieder in diesen Körper fliessen und ihn durchströmen, wie sie es einst tat*
Der Stein auf der Brust des Körpers, in welchem die gesamte Energie der Wälder gebündelt wurde, blitzte plötzlich hell auf und zerfiel danach in feinen Staub. Ebenso rieselte der Feuerdiamant, eben noch glühend heiss in meinen Händen, als Asche zwischen meinen Fingern zu Boden.
Doch das Ritual schien gewirkt zu haben: die Dame Liel regte sich wieder! Es war wieder Leben in ihr, doch sie war schwer verletzt.
Der alte Onlo drückte mir noch einen kleinen Beutel mit Kräutern in die Hand, mit welchen ich die Wunde versorgen sollte, dann machte er sich, sichtlich müde und erschöpft, auf seinen Stab gestützt, auf den Rückweg.
Dame Liel war sehr schwach. Die Wunde war tief, und sie hatte viel Blut verloren. Wir versorgten sie, so gut es ging, und da ihre Kleidung nur noch in Fetzen lag, reichte ich ihr vorübergehend einen meiner Umhänge. Schliesslich transportierte ich sie, ihrem Wunsch entsprechend, nach Gobos auf die Lichtung, auf dass sie dort genese.


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