Lar Tmava

Eine grossgewachsene, schlanke Onlo mit einem kleinen anatubischen Vulkan-Waldschnapper auf der Schulter.

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Samstag, Januar 21, 2006

Dralion, der Anatubische Vulkan-Waldschnapper











Mein liebstes Spielzeug als Kind war eine kleine rote Figur eines Vulkan-Waldschnappers. Ich hatte einst ein Bild eines solchen Wesens in einem dicken Buch gesehen, und seither redete ich anscheinend von nichts anderem mehr. Eines Tages wurde es meinem Bruder Andhiel wohl zu bunt, und er schnitzte mir aus Holz eine Figur, die dem Waldschnapper nicht unähnlich sah. Er färbte das Holz rot, bastelte aus Leder kleine Flügelchen und klebte zuletzt zwei kleine, glatt polierte Kieselsteinchen als Augen auf. Ich liebte die Figur vom ersten Moment an, und ich tat keinen Schritt ohne sie. Der Holzwaldschnapper kriegte alle Sorgen zu hören, die eine kleine Onlo hegt und pflegt, er schlief abends bei mir im Bett und teilte morgens den Frühstücksbrei mit mir.

Als ich älter wurde, las ich mir die Beschreibung durch, welche neben dem Bild des Waldschnappers stand:

Anatubischer Vulkan-Waldschnapper

Der Anatubische Vulkan-Waldschnapper gehört zu einer seltenen Spezies der grossen Familie der Schnapper (cf. Inselschnapper, Bohnenschnapper). Die letzten Nachweise der Anatubischen Vulkan-Waldschnapper liegen bereits einige Zeit zurück. Es wird vermutet, dass wenn überhaupt nur noch wenige Exemplare leben.

Anatubische Vulkan-Waldschnapper sind etwa so gross wie kleine Waldkatzen. Ihr Schuppenkleid leuchtet in verschiedenen kräftigen Rottönen, welche durch Hitze entstehen: je heisser die Lebensumgebung des Schnappers, desto röter die Schuppen. Daher ist der Anatubische Vulkan-Waldschnapper bevorzugt in der Nähe von heissen Quellen oder Vulkanen zu finden (daher auch der Name).

Auf dem Rücken tragen die Anatubischen Vulkan-Waldschnapper ein Paar kleine Flügelchen, welche aber zum Fluge nicht taugen. Dies ist auch nicht nötig, da die Vulkan-Waldschnapper eine ihnen eigene Art der Fortbewegung entwickelt haben. Aus ihren Nüstern stossen sie eine kleine Menge Dampf aus und nebeln sich darin vollständig ein. Als solche Dampfwolke können sie kleinere Entfernungen problemlos überwinden. Zudem wird diesem Dampf heilende Wirkung nachgesagt, er soll, gezielt eingesetzt, Schmerzen lindern und Wunden schneller heilen lassen.

Anatubische Vulkan-Waldschnapper sind äusserst scheu und sehr eigen. Nicht nur in ihrer Art der Fortbewegung und der heilenden Wirkung ihres Dampfes äussert sich die alte Magie, welche diesen Wesen innewohnt und die nicht unterschätzt werden darf. Anatubische Vulkan-Waldschnapper vermögen angeblich in die Seele von Wesen zu blicken. Finden sie eine Seele, welche ihnen zusagt, lassen sie sich dort nieder und gewähren im Gegenzug dem Wesen Zugang zu ihrer Seele. Wird eine solche Bindung eingegangen, kann sie nur durch den Tod eines der beiden Wesen gelöst werden, welche dann auch unvermeidbar den Tod des anderen Wesens innert kürzester Frist nach sich zieht.

Noch heute kann ich diese Beschreibung, die ich damals las, auswendig aufsagen. Sie kam mir unvermittelt wieder in den Sinn, als ich viele Jahre später auf meiner Reise den Wald von Anatubien betrat und wenig später an der Flanke des hohen Vulkans Rast machte. Aus vielen Gründen beschloss ich, länger in dieser Gegend zu verweilen, und so begannen meine Streifzüge durch die dichten Wälder von Anatubien und auch die angrenzenden Wälder von Kanobien, Blatenien und Gobos. Es war auf einem jener Streifzüge, als mir plötzlich der Atem stockte und ich erschrocken innehielt. Ich hatte von einer Sekunde auf die andere das Gefühl, nicht alleine zu sein. Doch so genau ich auch die Gegend absuchte, da war niemand. Das Gefühl verliess mich nicht mehr. Erst als ich aus dem Wald heraustrat und mich auf den Weg nach Konlir machte wurde das Gefühl allmählich schwächer. Aber es verschwand nie, und wann immer ich durch die Wälder streifte, verspürte ich es, manchmal stärker, manchmal weniger stark. Die nächsten Wochen verbrachte ich damit, herauszufinden, was dieses Gefühl verursachen könnte.

Es war Zufall, dass ich just in jenen Tagen wieder einen Brief meiner Brüder erhielt. Sie erzählten mir unter anderem davon, dass sie den alten Speicher aufgeräumt hatten und einen ganzen Tag lang in Kisten und alten Erinnerungen gewühlt hatten. Unter anderem waren sie dabei auf die Figur des kleinen Waldschnappers gestossen und hatten lachend daran zurückgedacht, wie ich keinen Schritt ohne den Schnapper getan hatte.

Ich runzelte die Stirn. Wie hatte ich den Waldschnapper nur je vergessen können? Doch da war noch mehr. Ich rief mir wieder die Worte in Erinnerung, die ich damals neben dem Bild des Schnappers gelesen hatte und die sich mir tief eingeprägt hatten. Lange sass ich auf der Lichtung und dachte nach. Dann hatte ich einen Entschluss gefasst: ich wusste nun, wonach ich suchte, nun würde sich weisen, ob die Suche Erfolg haben würde. Leider schien dies nicht der Fall zu sein. Die Wochen vergingen, das Gefühl liess nicht nach, doch ich war keinen Schritt weiter mit meinen Bemühungen.

So beschloss ich, nicht länger nach dem Waldschnapper, sollte es einen geben, zu suchen, sondern ihn nach mir suchen zu lassen. Eine lange, quälend lange Zeit begann, die ich grösstenteils am Rande meiner liebsten Lichtung verbrachte. Reglos lag ich dort, tagsüber las ich oder skizzierte etwas in meiner Botanica und nachts versuchte ich mich wachzuhalten, doch eigentlich suchte ich ständig den Wald nach einem Hinweis auf das Waldschnapperchen ab. Doch nichts geschah.

Mit der Länge der Tage nahm auch meine Geduld ab. Seufzend setzte ich mir, nein, eigentlich dem vielleicht vorhandenen Waldschnapper eine letzte Frist: Noch bis zum nächsten Neumond würde ich auf der Lichtung warten, nicht länger.

Es blieben noch drei Tage bis zum Ablauf der Frist. Missmutig sass ich auf der Lichtung und zog fröstelnd den Umhang enger um meine Schultern. Die Nächte waren bereits empfindlich kalt. Ich hatte mir einen Platz zwischen einigen Birken gesucht, und ihre abgeworfenen Blätter schimmerten fahl im Licht des fast nicht mehr vorhandenen Mondes. Ich muss wohl eingenickt sein, denn ich erwachte plötzlich. Meine Zähne klapperten vor Kälte, und ich spürte meine Finger kaum mehr. Leise fluchend verwünschte ich den Schneider, der sich für meinen Wintermantel viel zu viel Zeit zu lassen schien.

Vorsichtig streckte ich meine steifgefrorenen Glieder und wollte schon aufstehen, um einige Runden um die Lichtung zu laufen und wieder warm zu werden, als ich im Unterholz eine Bewegung zu sehen glaubte. Ich blinzelte mehrmals. Dunkle Wolken hatten sich vor den Mond geschoben, doch die hellen Birkenstämme leuchteten fahl, und daneben – erkannte ich ein Paar Augen. Ich hielt in meiner Bewegung inne, versuchte, ganz still zu sein, doch das klappern meiner Zähne muss wohl bis Konlir zu hören gewesen sein. Ich schloss für einen Moment die Augen, atmete tief ein und aus und versuchte, meine Muskeln zu entspannen. Erschrocken zuckte ich zusammen, als ich die Augen wieder öffnete. Keine Armlänge von mir entfernt sass ein kleines Wesen. Trotz der Dunkelheit erkannte ich den Waldschnapper ganz deutlich. Ich hielt den Atem an.

Aufmerksam neigte das kleine Wesen den Kopf, und seine unergründlichen Augen musterten mich lange. Der Blick suchte sich seinen Weg in mein tiefstes Inneres, vorbei an meinen Sehnsüchten und meinen Ängsten, bis zum Grund meiner Seele. Dort schaute sich das Wesen neugierig, aber nicht überrascht um, blickte in jeden Winkel, hinter jeden Gedanken, um sich schliesslich inmitten meiner Seele zusammenzurollen, glücklich, endlich seinen Platz gefunden zu haben. Und als es sich zusammenrollte, blickte ich in seine Seele, und ich erkannte mich in seiner Seele, und ich wusste, dass auch ich meinen Platz gefunden hatte.

Zufriedenheit durchflutete mich, schlichte Zufriedenheit, doch stärker als alles, was ich bisher gekannt hatte, und allmählich ging die Zufriedenheit in eine wohlige Wärme über. Noch bevor meine Augen sahen, wusste mein Herz, dass der kleine Waldschnapper meine kalten Finger sanft wärmte, meine Finger, meinen Körper, meine Seele.

Dralion, so sein Name, und ich sind seither unzertrennlich. Er kennt meine Gedanken, ohne dass ich sie in Worte fassen muss, und so lange ich in seiner Seele wohnen darf, und er in meiner, werden wir nie alleine sein.